Es ist Nacht. Richtig finstere Nacht. Eine Nacht in einer Welt, die noch kein elektrisches Licht kennt, die noch nicht darum weiß, dass man die Nacht zum Tage machen kann. Eine Nacht, in der das Dunkel noch richtig dunkel ist. Vielleicht waren Sterne zu sehen, vielleicht hat auch der Mond geschienen, der die Dunkelheit ein wenig erhellt hat – vielleicht …
Aber ziemlich sicher war da ein Lagerfeuer, das die Dunkelheit ein wenig bannte, das Wärme verbreitete und das einen gewissen Schutz vor wilden Tieren bot. Auf alle Fälle aber war es eine Situation, die wenig behaglich war, wenig romantisch, und schon gar nicht besinnlich. Am Ende eines harten Arbeitstages durften die Hirten ausruhen. Es war ein Ausruhen unter freiem Himmel, ein Ausruhen in der Dunkelheit, trotz der Gefahren der Nacht und der Kälte der Wüste …
Licht statt Dunkelheit
Und dann wird alles anders. Plötzlich ist da ein Licht, wie es noch keines gegeben hat. Gleißendes Licht. Schlagartig wird die Nacht hell – wohlgemerkt: Eine Nacht in einer Welt, die weder Flutlicht noch LEDs kennt. Zuerst kommt das Erschrecken. Dann kommt die Angst. Aber kein Verstehen. Wie soll man auch verstehen, wenn etwas passiert, das nicht in unser Begreifen passt. Schon gar nicht, wenn Gott selbst es ist, der auf den Plan tritt. Denn Gott sprengt alles, was wir begreifen können und übersteigt alles, was unser Verstand zu leisten imstande ist. Wenn Menschen dem lebendigen Gott begegnen, reagieren sie häufig mit Angst. Denn dann, wenn auf einmal deutlich wird, dass diese Welt nicht die Einzige ist, dann, wenn deutlich wird, dass es neben dem, was wir zu kennen, zu wissen, zu beherrschen glauben, eben noch eine andere Welt existiert – dann sind wir Menschen mit unserer Selbstsicherheit ganz schnell am Ende.
Vertrauensbildende Maßnahme
Und da, wo wir merken, dass es mit unserem Wissen und unserer Macht nicht weit her ist, da bekommen wir es schnell mit der Angst zu tun. Oder gleich mit lähmendem Entsetzen. So oder ähnlich mögen auch die Hirten empfunden haben, als der Engel des Herrn zu ihnen trat in jener Nacht, die wir die Weihnacht nennen. Ich kann mir jedenfalls vorstellen, dass ihnen das Herz buchstäblich in die Hose rutschte, als da plötzlich Licht am Himmel war. Doch Gott ist anders … Er will nicht, dass wir Angst haben. Er will nicht, dass wir zu Tode erschrecken. Er arbeitet nicht mit Zwang oder Druck – das unterscheidet ihn von allen falschen Göttern dieser Welt (vgl. 1. Kor. 12,2). Er will, dass wir ihm vertrauen und dass wir im Vertrauen auf ihn den Mut finden, unser Leben im Glauben an ihn zu gestalten. Das erste und wichtigste Wort des Engels lautet denn auch: „Fürchtet Euch nicht!“ Und diese Aufforderung wird durch die Tat Gottes deutlich unterstrichen. Denn der, der in dieser Nacht geboren wurde, ist kein Despot, kein Tyrann, kein gewaltiger Herrscher. Gott kommt als kleines Kind, als durch und durch schutzbedürftiger Säugling, in einer Windel (der Kleidung der „kleinen Leute“) in diese Welt. Hand aufs Herz: Haben Sie Angst vor einem Baby? Sicher nicht. Ein Baby ist süß. Man will es knuddeln, es herzen, es lieb haben. Die Vorstellung, dass man vor einem Baby Angst haben könnte, ist jedenfalls vollkommen absurd. Und genauso kommt Gott zu uns. Er will, dass wir ihn lieb haben. Er will, dass wir ihm vertrauen. „Fürchtet Euch nicht – vertraut dem, der die Angst nimmt.“ Dies ist der tiefe Sinn von Weihnachten. Ich wünsche Ihnen, die Sie dies lesen, dass immer dann, wenn Angst Ihr Leben zu zerstören droht, ein Engel da ist, der Ihnen sagt: „Fürchte Dich nicht.“ Und ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihr Leben bei dem festmachen, der allein vertrauenswürdig ist.
In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!
Ihr
Heiko Ehrhardt
Der Autor, Heiko Ehrhardt, ist Pfarrer der Ev. Kirchengemeinde Hochelheim-Hörnsheim (Kirchenkreis Wetzlar). Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.